Tile Kolup - Kaiser werden leicht gemacht

Ein Kulturprojekt der WALI im Jahr 2002
 

Wer war Tile Kolup?
Der Bettler Tile Kolup gab sich im Jahr 1285 in Wetzlar als der schon 1250 in Italien verstorbene Kaiser Friedrich II. aus und kam so für kurze Zeit in den Genuss von Ruhm und Reichtum. Die Chronik der Stadt Wetzlar schreibt dazu:
"Ein würdiger alter Mann in vornehmem Gewand, ein wenig müde vom langen Ritt, in sich gekehrt und karg mit Worten, aber in den Augen etwas, als träumte er einen schönen Traum... Darüber hinaus aber folgte dem Hofstaat ein Schwarm von allerlei Volk, das die Torhüter niemals ohne strenges Sichten eingelassen hätten,... einige mochten Bittsteller sein,...die meisten aber schienen Nichtstuer und Schmarotzer , fahrendes Volk und Gaukler, ..."
Schon bald wurde er jedoch als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Diese historische Wetzlarer Figur nehmen wir als Anlass, uns mit den Themen "Reichtum und Armut" sowie "Macht und Ohnmacht" zu beschäftigen.

Umfangreiches Kulturprojekt (nicht nur) für Erwerbslose
 

Seit Januar 2002 beschäftigen sich in der WALI verschiedene Arbeitsgruppen mit Themen rund um den "falschen Kaiser" Wetzlars.
♦ Von Februar bis April entstand unter der Leitung des Wetzlarer Künstlers Peter Atzbach ein Großbild (Download unten) mit Szenen aus dem Leben des Tile Kolups. Gemalt wurde jeden Mittwoch in der WALI. Das Bild diente auch als Bühnenbild für die Aufführung der Theatergruppe. Drucke des Triptichons sind in der WALI käuflich zu erwerben.
♦ Jeden Montag traf sich über ein halbes Jahr hinweg eine Text- und Schauspielgruppe, die vom Schauspieler Erich Schaffner angeleitet und begleitet wurde. Es wurden historische Szenen aus dem Leben des Tile Kolup eingespielt und geprobt, die aber auch zeitgenossischen und kritischen Bezug haben. Zwei verschiedene Aufführungen wurden vorbereitet: für den 15. Juni einen historischen Umzug, der auf der alten Lahnbrücke begann, sowie ein knapp einstündiges Theaterstück über das Leben des Tile Kolup, das am 19. Juni im Lottehof uraufgeführt wurde.
♦ Im Mai und Juni entstanden unter der Leitung von Diplom-Pädagogin und Gestaltungstherapeutin Martina Bodenmüller in der WALI Recycling-Skulpturen zum Thema "Reichtum und Armut". Mit dem Ziel, Thema und Problematik rund um den Tile Kolup für die heutige Zeit zu aktualisieren, beschäftigte sich diese Gruppe, an der nicht nur Erwerbslose teilnahmen, inhaltlich mit Armut und Reichtum heute und gestaltete dazu Skulpturen aus Recyclingmaterial. Altes, unbrauchbares wurde in neue Zusammenhänge gestellt und am 19. Juni im Lottehof erstmals ausgestellt. Bilder der entstandenen Skulpturen sind hier zu sehen.
♦ Für alle, die insgesamt am Projekt teilnehmen und sich damit sinnvoll im Gemeinwesen betätigen wollen, gab es eine Vielzahl von Beteiligungsmöglichkeiten bei Organisation, Verwaltung, Auf- und Abbau, wie zum Beispiel die Erstellung einer Internetdokumentation, Statistenrollen beim Umzug oder bei Aufbau und Gestaltung der Präsentationsveranstaltungen.

 

Historischer Umzug und Theateraufführung
 

Am 15. Juni fand ein historischer Umzug durch Wetzlar statt, am 19. Juni der Tile Kolup Abend mit einer Theateraufführung im Lottehof. Hier können Sie Bilder vom Umzug und Bilder von der Theateraufführung sehen. Vom 2. bis zum 13. September 2002 zeigte der Magistrat der Stadt Wetzlar in Kooperation mit der WALI verschiedene Exponate aus dem Projekt im Rathaus der Stadt Wetzlar.
Begleitung mit der Kamera
Die Wetzlarer Fotografin Ina Achenbach hat die Arbeit der WALI mit ihrer Kamera begleitet und fotografisch dokumentiert. Eine Auswahl ihrer Bilder wurden im Rahmen der Ausstellung gezeigt, außerdem wurden am 30. August 2002 während des Sommerfestes der WALI alle Arbeiten als Überblend-Show gezeigt.
 

Weitere Hintergrundinformationen über Tile Kolup

Wetzlar 1285
Klaus Mewes
Nach Schoenwerk-Flender

Im Jahre 1284 tauchte in Köln ein schon betagter Mann auf und erklärte, er sei der totgeglaubte Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen. Die feierliche Bestattung in Palermo im Jahre 1250 sei nur ein Täuschungsmanöver gewesen, weil der Kaiser vom Papst in Acht und Bann getan und der Welt müde gewesen sei. Unerkannt sei er auf Pilgerfahrt gegangen. Durch das Volk ging in der kaiserlosen schrecklichen Zeit ein Raunen, Kaiser Friedrich hielte sich verborgen und werde wieder erscheinen, um die Not des Volkes zu wenden. Aus Köln verjagt, hielt der vorgebliche Kaiser in Neuß Hof. Ein Hofstaat umgab ihn. Kanzler, Kämmerer, Marschall nahmen ihm die Staatsgeschäfte ab, erteilten in seinem Namen Vorrechte und Privilegien an Getreue und Mahnungen an Widerspenstige. Ein besonders geneigtes Ohr hatte der Kaiser für Bittgesuche der Armen und Bedrängten. Als er dem Kölner Erzbischof Siegfried Privilegien absprach, beschloss dieser, dass den Stadtbürgern die Fäden ihrer Kaiser-Marionette durchschnitten werden müssten. Siegfried machte König Rudolf von Habsburg rebellisch, der mit den Städten des Reiches im Streit lag, weil er diese mit neuen zusätzlichen Steuern belegt hatte. König Rudolf, der den neuen Kaiser bisher wenig ernst genommen hatte, passte der bürgerfreundliche Herrscher natürlich ebenso wenig ins Konzept wie dem Erzbischof. Die Neußer Bürger witterten Gefahr und begannen den Geldhahn für die kaiserliche Hofhaltung abzudrehen. So wandte sich unser Kaiser nach Wetzlar, das sich noch immer nicht geneigt zeigte, die neue königliche Steuer zu zahlen.

Als der Kaiser in Wetzlar einzog, waren in seinem Gefolge nur wenige gut gekleidete Männer, ansonsten Geleitknechte ohne Zucht und Ordnung und allerlei zerlumpte Gestalten, anscheinend Nichtstuer, Schmarotzer, fahrendes Volk und Gaukler. Die Freude über den ihnen so wohlgesinnten Kaiser war bei den Wetzlarer Ratsherren daher nicht ungetrübt. Der Kaiser fand viel Zulauf durch das arme Volk vom Lande, das sich nach dem gerechten Kaiser sehnte. Als König Rudolf mit einem großen Heer heranrückte, wurde den Ratsherren schnell klar, dass sie von diesem machtlosen Kaiser für sich außer der Ungnade des Königs nicht viel zu erwarten hatten. Machen wir es kurz wie auch die Ratsherren nun mit unserem guten Kaiser kurzen Prozess machten. Er wurde ins Turmverließ des Kalsmunts hinabgelassen. Bei Fackelschein wurde er verhört. Als er dabei blieb, Kaiser Friedrich der Hohenstaufe zu sein, verlangte der christliche Erzbischof, die Folter anzuwenden. Es konnte nicht ausbleiben, dass die Wahrheit ans Licht kam. Als man ihm die Glieder zerrenkte, entfuhr dem Schmerzenden der Schrei: "Mutter, hilf deinem Tile, helft Tile Kolup!" Man verurteilte diesen Teufelsschüler und Schwarzkünstler, diesen Ketzer und Gotteslästerer, der sich gegen Kirche und Reich vergangen hatte, ohne vieles Federlesen zum Tod in den Flammen. In der Frühe des 7. Juli 1285 brachte ihn der Sünderkarren zur Richtstätte. Auf dem Scheiterhaufen war er an einen Pfahl gefesselt, als der Henker das dürre Reisig an drei Ecken im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ansteckte. Ein Franziskanerpater hatte ihm den letzten Trost gespendet.

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